„Lernstörungen sind auch Beziehungsstörungen und müssen als Wirkungsgefüge begriffen werden. Arbeitet man isoliert am Symptom, riskiert man einen pädagogischen Teufelskreis. Hilfen wirken als Schikane und werden abgewehrt; eine negative Lernstruktur etabliert sich.“ (Breuninger)

Die vorliegende Beschreibung zur Entstehung einer Lernstörung orientiert sich stark am Lehrbuch „Teufelskreis Lernstörung“ von Betz Breuninger sowie an den von mir gemachten Erfahrungen in über 20 Jahren Praxis. Sie hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Vielmehr soll sie anhand der Geschichte von Max exemplarisch und sehr vereinfacht aufzeigen, welche Stadien ein Schüler durchläuft, bis es zu einer Lernstörung kommt und wie sie durch das System (z.B. Schule und Familie) aufrechterhalten wird.

Vorgeschichte

Wahrnehmungs- und Differenzierungsverzögerung, zum Teil reifebedingt und/oder krankheitsbedingt

Max wächst in einer liebevollen Familie auf. Er ist ein cleverer, aufgeweckter Junge, sehr verspielt, kreativ. Max unterscheidet noch nicht, ob der Henkel einer Tasse links oder rechts ist, er verwechselt beim Sprechen Ziegel und Ziege und es kann passieren, dass er den linken Stiefel am rechten Fuss trägt. Auch wenn er manchmal etwas langsam ist, gibt all das in seinem Alter bezüglich seiner Entwicklung noch keinen Anlass zur Sorge. Dazu kommt, dass Max immer mal wieder Ohrenentzündungen hat, er ist oft erkältet, seine Ohren sind meist verstopft. Er hat sich aber daran gewöhnt. So kommt es, dass er manchmal nicht genau hört und differenzieren kann, was um ihn herum geschieht. Bis jetzt war das alles auch kein Problem. Mami und Papi müssen ihm die Dinge halt manchmal mehrmals sagen, bis die Information bei ihm ankommt und verarbeitet werden kann.

Defizite sind zu diesem Zeitpunkt nicht sichtbar.

Stadium 1

Leistungsdefizite werden sichtbar

Max kommt in die Schule. Er freut sich. Die Lehrerin ist nett. Sein Einsatz in der Schule ist gross. Er möchte damit der Lehrerin und seinen Eltern gefallen und sucht nach Anerkennung. Denn das ist es, was Kinder möchten, sie lernen in der Schule (noch) nicht für sich, sondern (noch) für ihre Bezugspersonen, die sie mögen.

Mit der Zeit stellt sich heraus, dass er von der Lehrerin gar nicht so viel Anerkennung erhält. Denn für Max ist es im Prinzip noch immer das Gleiche, ob ein p ein b ist oder vielleicht auch ein d; m und n sehen nicht nur fast gleich aus, sie klingen auch ähnlich. Ob ein Wort eine Schärfung oder eine Dehnung hat, hört er nicht und die Endungen gehen manchmal auch verloren. Die Lehrerin muss Max oft mehrmals aufrufen, weil er mit seinen Gedanken nicht beim Unterricht zu sein scheint. Max muss auch oft nachfragen, da er Anweisungen verpasst hat. Er strengt sich an, aber er weiss gar nicht so recht, was man eigentlich von ihm will. Max gibt sich zwar Mühe, aber die anderen Kinder kriegen das irgendwie besser auf die Reihe. Er spürt, wie die Lehrerin Freude an ihnen hat und ihnen Anerkennung zeigt.

Die Lehrerin und die Eltern zeigen sich mittlerweile etwas besorgt über Max’ schulische Entwicklung. Sie sprechen davon, dass Max nicht in der Norm liegt. Unser Schulsystem gibt die Leistungsziele vor, die zu erreichen sind und Max hinkt diesen zusehends hinterher. Es wird besprochen, was zu unternehmen ist. Max ist verunsichert und fragt sich was mit ihm nicht stimmt. Manchmal klappt es ja schon, z.B. wenn er im ganzen Buchstabensalat richtig ratet oder wenn er der Lehrerin die richtige Antwort geben kann, weil sie gerade in der Nähe ist, sodass ihre Stimme nicht im Klassenzimmergeraschel untergeht.  Lehrerin und Eltern sehen das auch, dass es manchmal klappt, und sind der Meinung, dass Max im Prinzip leistungsfähig wäre, wenn er sich nur genug anstrengen würde.

Die Lehrerin und die Eltern bemühen sich sehr, Max jede mögliche Unterstützung zu geben. Max bekommt zusätzlich Hausaufgaben und Förderunterricht, stundenlang helfen die Eltern bei den Haus- und Zusatzaufgaben. Schon bald wird es Max aber zu viel, er verbrachte vorher schon sehr viel Zeit mit den Hausaufgaben und jetzt muss er noch mehr arbeiten. Er sieht zwar, dass die Lehrerin und die Eltern es mit ihm gut meinen und sich für ihn einsetzen, dafür müsste er ihnen auch dankbar sein. Aber irgendwie findet er das Ganze doof. Die anderen Kinder investieren viel weniger Arbeit als er und haben mehr Freizeit. Und weil er im ganzen Mehraufwand, den er leisten sollte, keinen Mehrwert sieht und auch nicht wirklich auf einen grünen Zweig kommt, fühlt er sich schuldig, dass er den Ansprüchen seiner Umgebung nicht gerecht werden kann und beginnt an seinen Fähigkeiten zu zweifeln.

Der Vergleich mit Gleichaltrigen und mit der sogenannten Norm führt dazu, dass Unterschiede in Bezug auf Leistungsvermögen wahrgenommen werden.

Stadium 2

Der Schüler wird sich seiner Defizite bewusst. Er sucht nach Erklärungen für sein Versagen. Das Verhalten, das er an den Tag legt, um auf seine Situation zu reagieren, wirkt sich lernhemmend aus.

Max sieht, dass die anderen Kinder etwas können, was er selber nicht kann. Er kennt das vorgegebene Ziel, aber nicht den Weg dorthin. Max hat nicht gerne Schuldgefühle. Er gibt sich lieber unkonzentriert oder desinteressiert, was ihm die Lehrerin und die Eltern sowieso schon unterstellen, als für blöd gehalten zu werden.  Lieber faul als dumm. Max ist sich zwar bewusst, dass er so noch weniger Aussicht auf Erfolg hat, kennt aber keinen anderen Ausweg aus dieser Situation. Mit seinem Selbstwertgefühl steht es mittlerweile nicht mehr zum Besten.

Er fragt sich, was er denn sonst noch gut kann. Er weiss, dass er seine Mitschüler oft zum Lachen bringt. Wenn er also schon nicht wie die anderen lernen kann, dann wenigstens dort punkten wo er gut ist. Er beginnt den Clown zu spielen und stört den Unterricht, er unterbricht die Lehrerin, ist unruhig und vorlaut und wenn er etwas tun soll, demonstriert er übertriebene Langeweile. Max ist ein guter Schauspieler.

Zur Lernschwierigkeit gesellt sich eine Verhaltensauffälligkeit dazu, die das Lernen weiter erschwert.

 

Stadium 3

Lernlücken, Konzentrationsschwierigkeiten, Vermeidungsstrategie führen zu Schul- und Versagensangst und Stresssymptomen. Ab diesem Stadium spricht man von einer Leistungsstörung.

Die Lehrerin und die Eltern sind sich bewusst, dass Max im Prinzip unter dieser Situation leidet. Die Lehrerin versucht, ihn im Unterricht wieder mehr einzubeziehen, um ihn zu fördern. Leider erreicht sie damit genau das Gegenteil, weil Max es als Schikane empfindet. Er findet die Lehrerin mittlerweile richtig doof und nimmt eine Abwehrhaltung gegen alles Schulische ein. Max ist auch nicht mehr bereit mit seinen Eltern zu lernen, denn in seinen Augen nützt es nichts. Anstatt Hausaufgaben zu machen, ist er lieber am Gamen, dort hat er seine Erfolgserlebnisse, die er so dringend braucht. Max ist sich bewusst, dass er mit seinem Verhalten schulisch keine Erfolge erzielen kann. Er wird als desinteressierter und aufmüpfiger Schüler abgestempelt. Seine Schuldgefühle sind immer noch da, aber er kann nicht anders, denn mit seinem Verhalten erreicht er zumindest, dass er beachtet wird.

Zu Beginn waren es Defizite mit Wahrnehmungs- und Differenzierungsschwierigkeiten infolge Reifeunterschiede und/oder Krankheit. Jetzt kommen Defizite infolge Lücken und kognitiver Blockierung dazu. Das Selbstwertgefühl nimmt weiter ab, nicht nur infolge des Versagens, sondern auch der Schuldgefühle wegen.

Stadium 4

Stabile negative Lernstruktur mit Misserfolgserwartung

Max hat nun schon über eine längere Zeit negative Lernerfahrungen gemacht. Dies führt dazu, dass er Misserfolge vorwegnimmt und sein Versagen damit bestätigt. Seine Misserfolgserwartung lähmt seine Lernbereitschaft noch weiter. Da er keine Aussicht auf Erfolg hat, sieht er keinen Sinn mehr darin, sich anzustrengen.

Max resigniert.

Therapeutischer Ansatz:

In erster Linie ist es mir wichtig, darzulegen, wie es zu einer Lernstörung kommen kann, damit der lange und schmerzvolle Weg nachvollziehbar wird.

Kinder und Jugendliche, die für eine Lerntherapie oder ein Lerncoaching angemeldet werden, befinden sich bestenfalls in Stadium 2, oft aber bereits in Stadium 3 oder sogar Stadium 4. Man kann sich überlegen was schiefgelaufen ist, jeder hat sich doch so sehr angestrengt und sein Bestes gegeben, Eltern, Lehrerin, vor allem aber Max.

Zum Zeitpunkt der Anmeldung ist die Verzweiflung und der Leidensdruck bei allen Beteiligten sehr gross, insbesondere bei Max, der denkt: „Nicht auch noch eine Therapie!“

Die vielfältigen therapeutischen Möglichkeiten sind von Kind zu Kind sehr verschieden.

Im Zentrum der Therapie steht, eine tragfähige Beziehung zum Kind aufzubauen und sein Selbstwertgefühl aufzubauen. Es braucht Vertrauen, damit Veränderungen angeregt werden können und die negativ behafteten Lernstrukturen abgelegt werden können. Aus einer guten Beziehung heraus können positive Selbstinstruktionen erarbeitet werden und Angst- und Stressbewältigungsstrategien trainiert werden.

Aus einer guten und stabilen Beziehung heraus, besteht die Hoffnung, dass das Kind diese Strategien annimmt und umsetzt, was nicht einfach ist.  Denn man stelle sich folgende Situation vor (aus Teufelskreis Lernstörung): Ein Flugschüler befindet sich in einer Notsituation. Vom Tower bekommt er über Funk Anweisungen wie er das Flugzeug zum Landen bringen kann. Er ist da oben alleine und muss trotz Angst und Stress den Anweisungen folgen und anwenden können, damit es zu einer sicheren Landung kommen kann.

Max ist in der Schule alleine und muss den Anweisungen, die er zuvor mit dem Therapeuten einstudiert hat, in eigener Regie folgen. Das klappt zu Beginn nicht immer und es muss auch mit Rückschlägen gerechnet werden.

Schüler, wie Max haben zudem sehr grosse Stofflücken. Die Lerntherapie/das Lerncoaching ist nicht dazu da, um Lücken zu füllen, sondern erlaubt ein exemplarisches Arbeiten an Beispielen, die den Schüler in die Lage versetzt, selbständig zu lernen. Die negative Lernstruktur muss abgebaut werden und in eine positive verändert werden, bevor die Stofflücken z.B. mit geeigneten Lernprogrammen aufgearbeitet werden.

Max muss also in der Therapie sichere Erfolge erzielen und lernen, die Bedingungen, unter denen er diese Erfolge erzielt, auch anderswo für sich anzuwenden, damit er wieder sein Selbstwertgefühl erlangt und als cleveren, aufgeweckten Jungen wahrgenommen wird, den er eigentlich ist.

Quelle:

Betz Breuninger „Teufelskreis Lernstörung“, Beltz Psychologie Verlags Union, 4. Auflage

Fluch oder Segen, darüber streiten sich die Gemüter. Ist der Laptop oder das Smartphone eine Lernhilfe oder eher eine Ablenkung vom Lerninhalt? Kann man sich gleichzeitig auf mehrere Dinge gleichermassen konzentrieren? Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer schildert in seinem Artikel, welches die Auswirkungen des sogenannten Multitaskings sind.

Laptop und Internet im Hörsaal Wirkungen und Wirkungsmechanismen für e…

Lernen als Ziel.
Ohne Emotionen – ohne Sinn-haftigkeit – kann nachhaltiges Lernen nicht wirklich gelingen. Der Artikel von Willi Stadelmann, erschienen im Profil 3/17 hat mich sehr berührt, denn gerade heute, wo es in Schulen und Hochschulen vorwiegend um Wissensvermittlung und Wissensprüfung geht, lohnt es sich, über Nachhaltigkeit im Lehren und Lernen nachzudenken.

 

Nachhaltiges Lernen

Man sollte für eine Prüfung lernen, aber die Lust zum Lernen ist gleich null. Bekannt?

Man merkt, wie sich der ganze Körper innerlich dagegen sträubt sich hinzusetzen und konzentriert mit dem Lernen zu beginnen. Das Schlimme ist dabei leider, dass man zwar nicht lernt, aber auch nicht wirklich etwas anderes Produktives auf die Reihe kriegt. Das Lernen wird weiter hinausgeschoben und das schlechte Gewissen … bestenfalls für kurze Zeit verdrängt. So wird Stunde um Stunde mit Kurzaktivität oder unwichtigen Sachen verplempert.

Es ist paradoxerweise ausserordentlich anstrengend für den Körper, Kopf und Emotion, etwas tun zu wollen und es fertig zu bringen, das, was man tun wollte /sollte, nicht zu tun. Denn einerseits will man eine anständige Note und dazu müsste man lernen, kann sich aber nicht dazu aufraffen.  Ein Jugendlicher, der ein, zwei Stunden lernt, ermüdet weniger als derjenige, der nichts für die Schule macht, obwohl er sollte. Es findet ein innerer Kampf statt, der energiezehrend ist und am Schluss in Unzufriedenheit und Schuldgefühlen enden kann. Unzufriedenheit und Schuldgefühle wirken sich lähmend aus.

In der Lerntherapie/im Lerncoaching werden Motivationskiller ermittelt und Motivationsanreize geschaffen. Der Motivationsaufbau wird begleitet, damit dieser durchgehalten wird. Die Gefahr, dass der Lernende dann bei den ersten Schwierigkeiten wieder aufgibt, kann dadurch verringert werden.

Das Lernen fällt möglicherweise nicht unbedingt leichter. Lernen ist anstrengend. Aber wenn der Erfolg sichtbar wird, indem erreichbare Ziele gesteckt werden, wird der Weg dahin übersichtlich, und die Freude am Erfolg motiviert, die Anstrengung auf sich zu nehmen.

Was sind Motivationskiller?

Willst du die Motivation im Keim ersticken, solltest du unbedingt wie folgt vorgehen:

  • unerreichbare oder weit und schwammig gesteckte Ziele setzen
  • zu hohe Ziele schrecken ab, sodass man den Mut zu Beginn verliert
  • sich unter Druck setzen, diese Ziele erreichen zu müssen
  • Erwartungen erfüllen zu müssen
  • alles auf einmal erreichen wollen
  • die eigenen Kräfte überschätzen
  • aufschieben bis aus dem Motivationsproblem ein Zeitproblem wird
  • jedes Aufschieben kostet Energie und schafft ein schlechtes Gewissen

Was sind Motivationsanreize?

Um über längere Zeit an einem Ziel dranbleiben und die Disziplin aufrecht halten zu können, ist es wichtig, dass ein paar Grundregeln beachtet werden:

  • Erreichbare Ziele anstreben
  • Eine gesunde Selbsteinschätzung ist wichtig. Die Ziele müssen überprüfbar sein.
  • Das Ziel in Teilziele einteilen, die unmittelbar oder in kurzer Zeit erreicht werden können
  • Alles was man erreicht gibt Selbstvertrauen
  • Teilziele überprüfen, Erfolg sichtbar machen
  • Sich am Erfolg freuen.
  • Zeitplan erstellen
  • Ein vernünftiger Zeitplan verringert die Wahrscheinlichkeit, dass die Arbeit aufgeschoben wird.
  • Längerfristige Ziele von Zeit zu Zeit überprüfen

Stimmt das Ziel noch für mich oder muss ich meine Vorstellungen überdenken?

Eine unvorteilhafte Lernorganisation hat zur Folge, dass die Leistungen des Lernenden für ihn nicht zufriedenstellend sind. Prüfungen bestimmen das Lernverhalten über längere Phasen. Für den schulischen Erfolg reicht die Intelligenz nicht immer aus. Es reicht auch nicht, den Stoff mal angeschaut oder nur durchgelesen zu haben. Massgebend ist, dass der Stoff verstanden, angewendet und ausreichend automatisiert wird, damit der Stoff auch unter Stress und Zeitdruck abgerufen werden kann. Erst dann wird das erworbene Wissen auch zum Können.

In der Lerntherapie erarbeite ich zusammen mit den Lernenden die notwendigen Kompetenzen, damit Lernen erfolgreich wird. Ich arbeite in der Anfangsphase oft mit schulstofffremdem Material, wie z.B. Spiele, Denkaufgaben, damit die Dynamik des Lernens ersichtlich wird und der Lernende herausfinden kann, welche Strategien und Verhaltensweisen für ihn nützlich sind, damit er weiterkommt.

In einem zweiten Schritt wird der Transfer zum Schulstoff erarbeitet. Das Verhalten in Bezug auf das Lernen von Schulstoff wird reflektiert. Anhand der gemachten Erfahrungen mit dem inhaltsfreien Material kann Bewährtes verstärkt, unvorteilhafte Strategien verändert und Neues ausprobiert werden. Der Lernende lernt, worauf es bei einer optimalen Lernorganisation ankommt und wie er diese erreichen kann.