Fallbeispiel Leo

„Lernen ist blöd!“ Solche Aussagen höre ich immer wieder von Kindern und Jugendlichen. Was verbirgt sich aber hinter einer solchen Aussage? Ist es damit getan, sie zu überzeugen, dass Lernen das Gegenteil sein kann, spannend, nützlich, bereichernd?

Viele Kinder und Jugendliche gehen dem Lernen buchstäblich aus dem Weg und zwar nicht, weil sie den Aufwand scheuen, sondern weil sie eben lernen blöd finden.  Sie stellen sich schon gar nicht der Herausforderung. „Wieso soll ich mir das antun, bringt ja eh nichts“.

Ich durfte Leo, 11 Jahre, Anfang 6. Klasse,  über ein Jahr lang lerntherapeutisch begleiten.

Leo: Lernen ist blöd!

Ausgangslage: Die Verzweiflung der Eltern

Leo’s Mutter rief mich an, um einen Termin für das Erstgespräch zu vereinbaren. Schon am Telefon wurde klar, dass die Eltern mit dem Lernverhalten von Leo an die Grenzen gekommen sind. Die Situation zuhause hatte sich dermassen zugespitzt, dass das einzige Gesprächsthema nur noch das Lernen war, was jedes Mal in einem heftigen Streit endete. Sie fühlten sich hilflos gegenüber Leo’s schulischer Passivität.

Leo betrat mit seinen Eltern meine Praxis. Die Mütze tief über dem Gesicht, gab er mir die Hand.  Er fühlte sich offensichtlich ganz und gar nicht wohl. Was sollte das Ganze, was wollte man von ihm? Er wollte nur in Frieden gelassen werden.  Die Eltern teilten mir etwas verlegen mit, dass es sie einiges an Überzeugungsarbeit gekostet habe, Leo für dieses Gespräch zu überzeugen.  Ich schaute Leo an und teilte ihm mit, dass ich es sehr anerkenne, dass er sich trotz allem die Zeit genommen hätte, mich kennenzulernen, was ja nicht selbstverständlich sei. Leo brummte ungläubig etwas vor sich hin, allerdings schaute mir erstmals kurz in die Augen.

Die Eltern schilderten mir die Situation, die ständigen Diskussionen, jedes Mal kam es wieder zum Streit. Je mehr sie versuchten, Leo zu überzeugen, Lernen sei notwendig, wichtig für’s Leben, desto mehr verfiel er in eine Passivität, und desto weniger lernte er. Sein Aufwand reiche knapp für die Hausaufgaben, aber auch diese seien nicht immer vollständig erledigt. Die Noten seien sehr knapp, für die Sek reiche es sicher nicht.  Meine Frage an Leo, ob er das auch so sehe und was er dazu meine, beantwortete er mit „ich weiss auch nicht“.  Ich fragte ihn, wenn er etwas ändern könnte, was dies wäre? Seine Antwort kam ziemlich prompt:  „Dass mich meine Eltern nicht mehr stressen“. Die Eltern entgegneten sofort, dass wenn sie nicht hinter Leo her seien, er gar nichts mehr für die Schule tun würde.

Ein erster Konsens als Grundlage für die gemeinsame Arbeit

Die Situation schien ziemlich vertrackt. Ich teilte Leo mit, dass ich ihn keinesfalls davon überzeugen wolle, dass lernen interessant sein könne, auch wenn ich persönlich das sehr wohl denke, aber man könnte doch mal überlegen , wie wir die Situation verändern könnten, damit die Eltern gemäss seinen Aussagen weniger stressen würden. Ihm sei alles recht, wenn nur die Eltern nicht mehr nerven.

Wir vereinbarten 5 Sitzungen, danach würden wir eine Standortbestimmung machen, um zu sehen ob und wie die Lerntherapie weiter verlaufen kann. Die Bedingung war, dass sich die Eltern während diesen 5 Wochen zurücknehmen würden, jedoch beobachten, ob Leo tatsächlich noch weniger für die Schule machen würde. Sie erklärten sich, zwar mit einem mulmigen Gefühl im Bauch, einverstanden.  Für die Eltern war das ein ausserordentlich schwieriger Schritt, den sie aber in Anbetracht der Situation, auf sich nahmen.

Zu erwähnen ist, dass Leo eine leichte Legasthenie hatte. Er hatte während der 3. und 4. Klasse integrierte schulische Förderung. In der 5. Klasse hätte man darauf verzichtet, da der die Massnahme nicht den gewünschten Nutzen brachte. Ich erklärte Leo und den Eltern, dass ich vorwiegend mit schulstofffremdem Material, d.h. Spiele, Geschichten, gestalterischen Mitteln arbeiten würde und erst zu einem späteren Zeitpunkt den Transfer auf den Schulstoff machen würde, dann wenn die Basis dafür gegeben sei . Leo fand dies toll, die Eltern waren zugegebenermassen etwas skeptisch.

Gemeinsame Arbeit: Vom Bekannten zum Neuen

Und so starteten wir unsere Arbeit.  Die ersten  Stunden verbrachten wir damit, Rush Hour zu spielen. Bei diesem Spiel geht es darum, Strategien zu entwickeln und anzuwenden, um aus einem Chaos herauszufinden. Was ist lernen denn anderes: in einem Chaos an Informationen Ordnung zu schaffen.  Die Einsteigeraufgaben löste Leo sehr gut, systematisch und rasch. Zwischendurch sprachen wir auch mal über seine Hobbies, er war ein sehr guter Unihockeyspieler und in einer Mannschaft, er nahm an regionalen Skirennen teil, wo er meistens unter die ersten drei kam. Als die Aufgaben schwieriger wurden, begann er sich über sich selber zu nerven, sobald etwas nicht auf Anhieb ging. Er wurde zusehends unsystematischer und murmelte vor sich hin, er sei ja blöd, dass er das nicht könne. Ich fragte ihn dann, ob er sich auch blöd vorkomme, wenn er beim Unihockeyspielen oder Skifahren Fehler mache oder etwas nicht auf Anhieb könne. Er dachte nach und gab dann zur Antwort: Nein, weil er wisse, dass wenn er versuche, er es schaffen könne.“ „Und das weisst du nicht, wenn du für die Schule etwas lernen sollst?“, fragte ich zurück. Er schaute mich ganz verblüfft an und sagte lange nichts. Er spielte weiter und nach einer Weile sagte er ganz nachdenklich: „Nein, bei der Schule bringt es nichts. Ich musste immer im Legaunterricht die Rechtschreibung üben, und es hat nichts gebracht, weil ich es doch nicht konnte. Ich kam mir blöd vor.“ „Heisst den lernen, etwas schon können zu müssen?“ Leo antwortete nicht, aber ich merkte, dass ihm ganz viele Gedanken durch den Kopf gingen.

Die weiteren Stunden verbrachten wir mit anderen Spielen.  Die Dynamik bestätigte sich, sobald Leo etwas als schwierig empfand, zweifelte er an sich selber und wollte aufgeben.

Erste Erfolge: Abbau von Stress auf beiden Seiten

Nach 5 Sitzungen trafen wir uns alle zum Standortgespräch. Die Eltern teilten mir mit, dass sich die Situation etwas entspannt hätte, sie hätten so gut es ginge, sich aus dem Lernen herausgehalten und Leo hätte nicht markant weniger für die Schule gemacht. Dadurch hätten sie wieder Raum für andere Themen, wie Sport und Freizeit, gewonnen. Leo bestätigte diese Aussage, er ginge nach der Schule wieder lieber nach Hause, weil die Eltern weniger stressten.

Ich teilte den Eltern meine Beobachtungen während dieser 5 Sitzungen mit. Meiner Meinung nach würde Leo nicht das Lernen an sich blöd finden, sondern er komme sich blöd vor, wenn er etwas nicht könne und keine Aussicht auf den von ihm gewünschten Erfolg hätte, wie im Legasthenieunterricht.

Für den weiteren Therapieverlauf schlug ich vor,  dass der Fokus primär auf den Aufbau von Leo’s Selbstwertgefühl gesetzt werden müsse. Damit Leo lernen könne, müsse er einerseits an sich glauben können, dass er es schaffen kann, er müsse den Anspruch aufgeben, etwas bereits können zu müssen, und auch wenn etwas nicht perfekt erreicht worden ist, lernen trotzdem ein Gewinn sei. In einem weiteren Schritt, würden natürlich auch die für ihn nützlichen Lernstrategien erarbeitet.

Die Eltern erklärten sich einverstanden, die Therapie weiter zu führen. Leo willigte ebenfalls ein, schon alleine aus dem Grund, dass die Situation zuhause weniger stressig war, aber auch weil er sich beim Lernen nicht mehr blöd vorkommen wollte.  Wir hatten für Leo, für die Eltern und für die Therapie ein gemeinsam erarbeitetes und akzeptiertes Ziel.

Therapieverlauf:

In der ersten Zeit arbeiteten wir weiter mit den verschiedensten Spielen. Leo lernte, sich neuen Herausforderungen zu stellen, er lerne Aufgaben anzugehen, wenn er nicht weiter wusste, anzuhalten, zu reflektieren. Wir erarbeiteten Strategien, was zu tun sei, wenn er ins Stocken geriet und nicht mehr weiter wusste. Mit gestalterischen Mitteln versuchte er seinen Gefühlen, wenn er sich blöd vorkam, Ausdruck zu geben. Er lerne diese einzuordnen und zu verstehen. Mit der Zeit gewann er an Selbstvertrauen, sodass wir den Transfer zum schulischen Stoff wagen konnten.

Dieser Transfer erwies sich kniffliger als erwartet. Er war immer wieder der Meinung, dass Spielen nun doch etwas anderes sei als Lernen. Spielen mache Spass, lernen nicht. Zumindest hatten wir eines erreicht, lernen ist nicht mehr blöd, sondern mache einfach keinen Spass. Da pflichtete ich ihm auch bei, dass es natürlich keinen Spass mache, wenn man  sich durchkämpfen müsse. Aber wie sei es denn, wenn man etwas erreicht habe aus eigener Kraft? Das sei schon toll, meinte er.  Und so begannen wir, wie auch bei den Spielen, Aufgabe um Aufgabe zu lösen, Thema um Thema zu bearbeiten.  Er erfuhr, dass er aus eigener Kraft immer weiter kam, dass er sich Informationen holen konnte, wenn er nicht mehr weiter wusste, dass er Strategien anwenden konnte. Die Arbeit mit den Spielen half dabei sehr, da die dort angeeigneten Erkenntnisse und Kompetenzen auch für den Schulstoff genutzt werden konnte.

Wir kamen zum Ende des Schuljahres. Es war klar, dass Leo in die Realschule kam. Die Noten reichten noch nicht. Er war enttäuscht, dass er es trotz der Anstrengung nicht geschafft hätte, in die Sekundarschule zu kommen. Ich konnte seine Enttäuschung durchaus nachvollziehen. Ich bot ihm meine Unterstützung an, es in einem zweiten Anlauf nochmals zu versuchen. Er war etwas skeptisch, „und wenn ich es auch dann nicht schaffe?“  „Nun ja, das ist ein Risiko, das du eingehst. Aber du hast zumindest dein Bestes gegeben. Wäre es besser es gar nicht zu versuchen und nie zu wissen, ob du es geschafft hättest?“  Ich spürte, dass ihm sehr viel daran lag, die Sekundarschule zu absolvieren.

Die Umsetzung im Schulalltag

Die Lerntherapie führten wir die ersten Monate in der Realschule weiter. Leo hatte durch die gewonnen Kompetenzen gute Schulnoten, er lernte freiwillig auf Prüfungen, weil er Erfolg haben wollte und hatte. Die Aufgabe der Eltern beschränkte sich nur noch auf das Abfragen vor den Prüfungen.  Ende November konnten wir die Lerntherapie mit guten Gewissen beenden. Er holte sich in den letzten Wochen vor Abschluss nur noch die Bestätigung, dass es so wie er es macht, gut sei.

Beim Abschlussgespräch teilte mir Leo mit, dass er gerne nochmals zu mir kommen möchte, wenn er dann in der Sek sei. Diese Sicherheit brauchte er um den nächsten Schritt alleine zu machen.  Diese Sicherheit gab ich ihm gerne.

Leo hat es geschafft!

Leo schaffte nach dem ersten Jahr in der Realschule den Sprung in die Sekundarschule. Nach der Probezeit, schrieb er mir eine Email, dass er die Probezeit bestanden hätte, ganz alleine und er sei stolz darauf. Ich traf seine Mutter ein Jahr später. Sie erzählte mir, dass er sich in der Sekundarschule behaupten konnte und sich im Mittelfeld bewege.  Die Situation zuhause sei einigermassen entspannt.

Unterstützung und Wertschätzung auch der Eltern

An dieser Stelle möchte ich noch erwähnen, dass es auch für die Eltern eine enorme Leistung war, sich herauszunehmen. Dies ist mit sehr viel Angst verbunden, umso mehr ist diese Anstrengung wertzuschätzen, da sie für den Therapieerfolg ebenfalls von Bedeutung war.

Das Verhalten und die Unterstützung der Eltern sind während der ganzen Therapie von elementarer Bedeutung. Die  Ängste und Sorgen der Eltern sind real und müssen sehr ernst genommen werden, vor allem dann, wenn die Therapie vielleicht stockt oder sich in einer schwierigen Phase befindet. In solchen Situationen ist es wichtig, dass die Eltern das Gespräch mit mir suchen und nicht und nicht den Druck auf ihr Kind wieder erhöhen.

Welche Faktoren beeinflussen das Selbstwertgefühl?

Leo war überzeugt, dass Lernen blöd sei. Es war für ihn einfacher diese Ansicht zu vertreten, als sich damit auseinanderzusetzen, dass Lernen nicht unweigerlich auch erfolgreich sein muss.

Für ein Kind oder einen Jugendlichen ist es sehr kränkend, wenn es trotz Anstrengung nicht den gewünschten Erfolg erzielen kann.  Das Kind/der Jugendliche zieht sich mit der Zeit unweigerlich  zurück und traut sich immer weniger zu.

Das Einsetzen von geeigneten Lernstrategien ist sicher wichtig und essentiell für den Lernerfolg. Genauso wichtig für den Betreffenden ist, dass er in der Lage ist, sich Herausforderungen zu stellen und sich etwas zutrauen kann.  Er muss mit Rückschlägen umgehen können, ohne den Glauben an sich zu verlieren. Das gelingt am besten mit einem Bezug auf Fähigkeiten, die der Betreffende schon sehr gut kann – so wie Leo das Unihockeyspiel liebt.

Damit das Selbstvertrauen für das Lernen aufgebaut werden kann, muss der Betreffende daran glauben können, dass sich der Aufwand lohnt. Vielleicht bringt Lernen nicht immer den gewünschten und erhofften Erfolg, aber Lernen ist immer ein Gewinn. Aus dieser Perspektive heraus wird es auch einfacher, sich für etwas einzusetzen trotz ungewissem Ausgang.