„Je mehr ich versuche meine Angst zu bekämpfen, desto schlimmer wird sie“. Die Betreffenden sind verzweifelt und enttäuscht über sich selber, weil sie schon vieles versucht haben diese wegzubekommen. Wie kann ein solcher Teufelskreis durchbrochen werden? Wie kann die Prüfungsangst auf ein erträgliches Mass reduziert werden?

 

Sandra: steif vor Angst

 

Sandra, eine 18-jährige KV-Schülerin, Ende 2. Lehrjahr, vereinbarte mit mir einen Termin, weil sie unter wachsender Prüfungsangst litt. Die Noten seien kritisch und auch wenn sie es vermutlich knapp in das 3. Lehrjahr schaffen würde, stünde die Lehrabschlussprüfung in einem Jahr an und schon alleine der Gedanke an die LAP würde ihr Angst machen.

Sandra erschien zum Erstgespräch. Sie machte den Eindruck einer selbstbewussten jungen Frau, neugierig und offen. Sie erzählte mir, dass sie in der Primarschule immer gute Noten hatte. In der Sekundarschule hätte dann die Prüfungsangst angefangen. Sie hätte oft knappe Noten gehabt, obwohl sie viel gelernt hätte. Allerdings war es noch nicht so schlimm. Im ersten Lehrjahr sei die Prüfungsangst auch noch erträglich gewesen, richtig zugespitzt hätte sich die Situation erst gegen Ende des ersten Lehrjahres. Obwohl sie den Stoff verstehe und viel lerne, versage sie immer mehr an Prüfungen. Sobald die Prüfung ausgeteilt würde, bekäme sie Kopfschmerzen und Schweissausbrüche und ihr werde schlecht. Sie hätte schon so einiges versucht, nichts hätte wirklich genützt und es werde immer schlimmer.  Sie finde Prüfungsangst peinlich und jedes Mal wenn sie wieder da ist, sei sie enttäuscht, dass sie sie nicht weg bekommen würde. Je länger sie erzählte, desto mehr sank sie auf dem Stuhl in sich zusammen.

 

Ein Ansatzpunkt: der Umgang mit der Prüfungsangst

Sie wolle die Prüfungsangst ein für alle Mal weg haben, darum sei sie zu mir gekommen. Ich bestätigte ihr, dass dieser Wunsch natürlich sehr verständlich sei und dass ich das durchaus nachvollziehen könne. Nur hätte ich da meine Zweifel, ob das auch möglich sei. Sie hätte ja schon so einiges versucht und die Prüfungsangst sei schlimmer geworden. Ob es nicht besser wäre, die Angst zu verstehen und zu versuchen einen erträglichen Umgang mit ihr zu finden? Mir sei natürlich bewusst, dass dies nur die zweitbeste Lösung sei und ich würde respektieren, wenn sie sich jemand anderer suchen wolle. Doch, das würde auch gehen, meinte sie.

Ich erklärte Sandra, wie ich mir das Lerncoaching vorstellen würde. In den ersten Stunden würden wir alte Prüfungen analysieren, damit klar ersichtlich wird, welche Art von Fehler immer wieder vorkommen. Damit kann die Prüfungsvorbereitung optimiert werden. Erst dann würden wir mit dem Thema Prüfungsangst arbeiten. Dies gefiel Sandra nicht so gut, weil sie davon überzeugt war, dass sie schon viel lerne und nicht noch mehr lernen möchte. Ich erklärte ihr, dass es aus meiner Sicht wichtig sei, bevor mit der eigentlichen Prüfungsangst gearbeitet würde, zumindest geklärt würde, dass die Prüfungsvorbereitung optimal läuft. Dies würde nicht unbedingt heissen, dass sie mehr lernen müsse. Sie willigte ein.

 

Beginn des Lerncoachings: auf Bekanntem aufbauen

Und so begannen wir unsere Arbeit. Es waren nur noch zwei Wochen bis Schuljahresende. Diese zwei Sitzungen nutzten wir für die Prüfungsanalyse. Sandra brachte verschiedenste Prüfungen mit. Zusammen stellten wir fest, dass sie immer wieder nicht fertig wurde, bei vielen Fragen und Aufgaben war sie unsicher und verlor Zeit. Bei offenen Fragestellungen antwortete sie oft an der Frage vorbei oder sie zitierte Auswendiggelerntes, das nicht zur eigentlichen Frage passte. Flüchtigkeitsfehler waren auch drin, diese waren aber ziemlich vernachlässigbar. Nun hatten wir Anhaltspunkte, wie sie sich gezielter auf Prüfungen vorbereiten konnte.

 

Der Ansatz: nicht mehr, sondern anders lernen

Nach den Sommerferien fuhren wir mit unserer Arbeit fort. Die gewonnen Erkenntnisse nutzten wir, um das Lernverhalten zu optimieren. Es stellte sich heraus, dass Sandra eine rasche Auffassungsgabe hatte und schnell arbeiten konnte. Meistens verstand sie den Stoff auf Anhieb und die Aufgaben erledigte sie schon während der Schulstunden oder in den Pausen, sodass sie praktisch keine Hausaufgaben mehr hatte. Sie müsse jeweils nur noch auf die Prüfungen lernen. Dabei wiederhole sie den Stoff bis sie ihn auswendig konnte. Sie dachte, das würde ihr Sicherheit geben. Allerdings, so ihr Einwand, wenn die Frage dann anders gestellt war, wäre sie dann hilflos. Also wäre es doch vielleicht nützlich, meinte ich,  wenn sie nicht mehr, sondern anders lernen könnte, damit sie einerseits bei Prüfungen fertig werden und andererseits auch flexibler auf Prüfungsaufgaben antworten könne?

 

Umsetzung der Erkenntnisse: eine neue Lernstrategie – und trotzdem weniger Zeitaufwand

Wir vereinbarten, dass Sandra, obwohl sie meistens mit den Hausaufgaben in der Schule schon fertig wurde, jeweils die schwierigste Aufgabe einen Tag später zuhause nochmals lösen würde. Weiter vereinbarten wir, dass sie ebenfalls den Stoff vom Vortag nochmals durchschauen sollte. Dies würde sicher Disziplin erfordern, aber ich versicherte ihr, dass sie diese Zeit bei der Prüfungsvorbereitung einsparen könne. Sie setzte dies sofort um, und bereits in der darauffolgenden Woche, war ihre Rückmeldung, dass sie bemerkt hätte, dass wenn sie Aufgaben zuhause nochmals lösen würde, sie nicht mehr ganz so sicher wäre, wie noch in der Schule. Das sei doch eine gute Nachricht, meinte ich: Wenn sie dies an der Prüfung herausfinden würde, wäre es zu spät. So hätte sie zumindest die Möglichkeit, sofort Fragen zu klären. Die nächste Prüfung stand bevor. Bis anhin hatte Sandra den Stoff jeweils möglichst auswendig gelernt. Wir besprachen, dass sie eine andere Strategie versuchen sollte. Sie sollte das Thema durcharbeiten, d.h. nicht nur lesen und immer wieder lesen, sondern sich Fragen stellen, einzelne Punkte hinterfragen, vielleicht auch ein Mind Map machen und am Schluss das Thema jemandem erklären. Sandra stieg darauf ein und bereitete sich für die nächste Wirtschaftsprüfung entsprechend vor. Wir waren beide gespannt, wie die Prüfung laufen würde.

 

Erste Erfolge:

Sandra hatte in der darauffolgenden Stunde die Prüfung noch nicht zurück erhalten. Sie teilte mir aber mit, dass sie das Gefühl gehabt hätte, etwas besser auf die Fragen antworten zu können und sie sei mit der Prüfung fast fertig geworden, trotz der Prüfungsangst. Diese sei nach wie vor schlimm. Sie würde aber trotzdem weiter den Stoff rasch nach dem Schultag repetieren und aufarbeiten und ausgewählte Aufgaben nochmals lösen. Sie hätte auch das Gefühl gehabt, dass wenn sie den Stoff nochmals der Mutter erklärte, sie die Zusammenhänge besser verstehen würde.

 

Die Herausforderung: neue Wege im Umgang mit der Prüfungsangst

Der schwierige Teil stand uns noch bevor. In der nächsten Stunde brachte sie die Wirtschaftsprüfung mit, sie hatte eine 4 geschafft. Immerhin. Wir widmeten uns der Prüfungsangst. Ich bat Sandra zu beschreiben, wie sich diese Prüfungsangst anfühlt. Wo am Körper sie diese denn am meisten spüre? Sie beschrieb mir die Angst, als ob sich etwas von hinten kommend langsam um ihren Hals schlinge, nicht würge, aber Angst mache, dass wenn sie sich bewegen, es zubeissen würde. So ähnlich wie eine grüne, giftige Schlange. Und sie wäre schon steif vor Angst, bevor sie überhaupt mit der Prüfung beginnen würde, weil sie ja wisse, dass die Angst, sprich grüne, giftige Schlange käme. Na ja, wenn ich eine grüne, giftige Schlange um den Hals hätte, würde mir sicher auch übel, bekäme Kopfschmerzen und Schweissausbrüche. Ich könne dies also sehr gut nachvollziehen. Was würde ihrer Meinung nach helfen, da die Schlange ja sowieso käme, dass sie sich nicht mehr so bedroht fühle? Sie dachte nach. Nach einer Weile antwortete sie, dass es helfen würde, wenn sie wüsste, dass sich die Schlange nicht mehr um ihren Hals schlingt. In dieser Stunde arbeiteten wir daran, was die Schlange daran hindern könnte, sich um ihren Hals zu schlingen. Am Schluss war klar, dass ein steifer Hals eine Einladung für die Schlange darstellte und wenn sie in Bewegung bleiben würde, sich die Schlange einen anderen Ort suchen musste. So könne sie die Schlange nehmen und vor sich legen und unter Kontrolle halten. Also suchten wir uns Rituale. Sie würde sich, bevor die Prüfung ausgeteilt wird, bewegen, Schultern, Hals, leichte Lockerungsübungen machen und danach einen giftgrünen Stoff oder Band vor sich auf den Tisch legen, als Symbol für die Schlange, die sie unter Kontrolle halten kann. D.h. die Schlage kontrolliert nicht mehr Sandra, sondern Sandra kontrolliert die Schlange.

Die nächste Prüfung war schon ein paar Tagen und sie versuchte es. Sie teilte mir, selber überrascht, mit, dass sie zwar noch Angst verspürt hätte, aber wesentlich weniger und dass sie für die Prüfung ein gutes Gefühl hätte. Die Note bestätigte dies, sie hatte in Rechnungswesen das erste Mal eine 4,7 geschafft.

 

Abschluss: durch die Rituale die Kontrolle behalten

In den wenigen darauffolgenden Stunden feilten wir noch ein wenig an den Lerntechniken und fanden noch weitere Möglichkeiten, die grüne, giftige Schlange in den Griff zu bekommen, sodass die Angst erträglich blieb. Nach 10 Sitzungen war das Lerncoaching beendet. Sandra schrieb mir später, sie hätte die Lehrabschlussprüfung bestanden. Sie hatte es geschafft!

 

Welche Faktoren beeinflussen die Prüfungsangst?

Wenn ein Schüler eine schlechte Note zurückbekommt, ist er enttäuscht und das letzte was er möchte ist, sich damit befassen. Aber gerade jetzt ist es wichtig, sich damit zu befassen auch wenn es unangenehm ist. Nur so ist es möglich das Lernverhalten zu überdenken und zu verbessern. Es reicht nicht, den Stoff auswendig zu lernen. Es reicht auch nicht, den Stoff nur verstanden zu haben.

Unsicherheiten während der Prüfung sind oft darauf zurückzuführen, dass der Stoff nicht genügend automatisiert wurde. Um das Gelernte an der Prüfung unter Zeitdruck wiedergeben zu können, muss der Stoff verstanden sein, er muss angewandt werden können und er muss solange geübt werden, bis er automatisch abgerufen werden kann. Dies kann nur erreicht werden, wenn der Stoff laufend repetiert wird und mit eigenen Worten wiedergegeben werden kann. Lernen heisst im Gehirn Spuren bilden, mit jeder Repetition wird die Spur tiefer.

Wenn man die Angst bekämpft, wird sie sich stärker bemerkbar machen und sich in den Gedanken festfressen. Es hat ja einen Grund, warum die Angst da ist. Es ist nicht immer notwendig den Ursachen der Angst auf den Grund zu gehen, manchmal, wie im Falle von Sandra, reicht es der Angst ein konkretes Bild zu geben. Wenn es gelingt, die Angst zu akzeptieren oder zumindest zu respektieren, wird es möglich, die Situation aktiv zu beeinfluss. Man sieht sich nicht mehr hilflos der Angst ausgeliefert und dies stärkt das Kompetenzgefühl.

Claudia Furrer

Dipl. Lerntherapeutin ILT/SVLT