Fallbeispiel Thomas

„Muesch halt meh lerne, muesch dich halt meh konzentriere“, hören Kinder und Jugendliche immer wieder. Werden wir ihnen und ihrem Lernproblem gerecht mit solchen Aussagen?
Für viele Kinder und Jugendliche ist Lernen ein täglicher Stress. Sie wissen nicht wo anfangen, können sich nicht konzentrieren, haben Angst zu versagen und es verleidet ihnen immer mehr. Häufig sind sie nicht in der Lage, ihre Fähigkeiten voll auszuschöpfen.

 

In meiner Praxis als Lerntherapeutin erlebe ich häufig, dass Jugendliche sich hinter dem Alibi verstecken, dass sie keine Lust am Lernen und darum schlechte Noten in der Schule haben. Wenn sie nicht lernen, sind schlechte Noten vorprogrammiert. Wenn sie aber lernen würden, sind gute Noten nicht garantiert und sie müssten sich somit mit ihren Fähigkeiten und Grenzen auseinandersetzen.

Bei diesem Thema kommt mir Thomas, 14 Jahre, 2. Sekundarschule, in den Sinn. Ihn durfte ich lerntherapeutisch über 9 Monate begleiten.

Thomas: Keine Lust am Lernen!

Als Thomas mit seinen Eltern an einem Montag im September zu mir kam, sprach er kaum ein Wort. Stattdessen brach es aus der Mutter heraus: „Es ist zum Verrücktwerden, er lernt immer in allerletzter Minute, dementsprechend schlecht sind seine Noten und werden immer schlechter“.

Mir wurde sofort klar, wie verzweifelt diese Mutter war. Der Vater versuchte zwischen seinem Sohn und seiner Frau eine ausgleichende Sichtweise des Problems zu schaffen. Trotzdem war auch er der Überzeugung, Thomas müsse halt mehr lernen. Thomas bemerkte, es „stinke“ ihm und er habe keine Lust zum Lernen. Als Lerntherapeutin ist es mir stets wichtig, alle Parteien zu Wort kommen zu lassen.

Da ich nicht sicher war, wie die Motivation von Thomas sein würde, handelte ich mit Thomas und seinen Eltern einen Vertrag aus. Thomas sollte fünfmal in die Lerntherapie kommen. Anschliessend würden wir dann ein eventuelles weiteres Vorgehen neu definieren.

Bereits in der ersten Stunde konnte ich mit Thomas ein Ziel definieren: Da Thomas sich schnell ablenken lässt, möchte er es fertigbringen, eine halbe Stunde konzentriert arbeiten zu können. Thomas war also bereits in der Lage, ein Ziel für sich zu definieren. Wir verbrachten die folgenden Stunden damit, seine Lerngewohnheiten unter die Lupe zu nehmen, seinen Lerntyp zu definieren sowie seine Neigungen abzuklären. Im Neigungstest schloss er im logischen und flexiblen Denken überdurchschnittlich gut ab. Je besser Thomas über sich selber Bescheid weiss, desto mehr hat er die Möglichkeit etwas zu verändern. Thomas begann langsam, sein Bild von sich zu überdenken.

Nach Abschluss der fünf Stunden sassen wir alle wieder am „runden Tisch“ zusammen. Die Eltern teilten mir mit, dass Thomas weniger Widerstand geleistet habe, die Therapie zu besuchen, als sie anfangs dachten. Thomas selber bemerkte, er hätte es sich eigentlich schlimmer vorgestellt. Meinerseits teilte ich Thomas und den Eltern mit, dass ich beeindruckt gewesen sei, wie gut und kooperativ Thomas in diesen fünf Stunden mitgemacht hätte. Dennoch war es für Thomas nicht leicht, in eine Therapie einzuwilligen und den Nutzen darin zu sehen.

Therapiebeginn:

Wir vereinbarten, dass wir uns einmal wöchentlich für 45 Minuten und für eine vorerst unbestimmte Zeitdauer treffen würden. Thomas war einverstanden.

In der nächsten Sitzung begannen wir bereits mit einem Training, wo es darum geht, das eigene Lernen zu verstehen. Es handelt sich um ein schulstofffremdes Material, das erlaubt, grundlegende Denkprozesse anzuregen. Dabei wird geübt, einzelne Denkschritte genau zu überlegen und Kriterien zu definieren, warum etwas richtig, respektive falsch ist. Anhand dieser Grundüberlegungen kann der Transfer zum Schulstoff gemacht werden.

In einer der nächsten Sitzungen kam Thomas ziemlich niedergeschlagen ins Zimmer. Auf die Frage was denn los sei, erzählte er mir, dass er in Geschichte eine 2 geschrieben habe. Zusammen analysierten wir kurz, wie er sich auf die Prüfung vorbereitet hatte. Wir strebten eine sehr präzise Problemdefinition an. In mehreren Schritten kam Thomas zum Schluss, dass ihm nicht die Schule „stinkt“, er gehe nämlich ganz gerne hin. Es seien auch nicht die Hausaufgaben an sich, denn wenn alles glattgehe, mache er sie eben, aber es sei einfach „ätzend“, wenn er am Tisch sitze und nicht mehr weiterwisse. „Dann rüeri halt dä Bickel häre und lauf defo“. Das Problem, das sich vorher auf die ganze Schule bezogen hatte, wurde jetzt nur noch auf einen kleinen Teilbereich begrenzt. Es nahm also eine andere Dimension an, eine überschaubarere.

Im Laufe der Therapie wurde mit Thomas geübt und immer wieder darauf aufmerksam gemacht, auch einfache Aufgaben sehr genau und differenziert anzugehen. Es genügt nicht, dass die Lösung richtig ist, man muss auch wissen warum. Diese Erkenntnis stellt die Basis für schwierigere Aufgaben dar, damit auf Strategien zurückgegriffen werden kann, ohne dass gleich das Handtuch geworfen werden muss, wenn man gerade nicht weiter weiss.

Therapieabschluss:

Thomas arbeitete sehr gut mit und seine Frustrationstoleranz konnte allmählich gesteigert werden. Thomas hatte immer mehr Freude und Selbstvertrauen, auch schwierigere Aufgaben selber lösen zu können. Die Schulnoten begannen wieder langsam besser zu werden.

Als er mir nach neun Monaten am Abschlussgespräch mit seinen Eltern gesagt hat: „Isch ja gar nöd so ‚stier’ gsi bi inä“, wusste ich, dass wir es zusammen geschafft hatten. Wir alle freuten uns für ihn.

Natürlich verläuft nicht jede Lerntherapie so glatt. Oft ist der Weg beschwerlich und eine grosse Herausforderung für alle Beteiligten, und es braucht einen langen Atem, um nicht aufzugeben.

Was fördert, was hemmt die Lernfähigkeit?

Zum „Fall Thomas“ möchte ich noch einige theoretische Überlegungen anbringen.

Was Thomas hemmte, war, dass er sich in einem Teufelskreis bewegte: er kam bei komplexeren Aufgaben nicht draus, hat das aber nicht beachtet und machte stattdessen immer weniger für die Schule. Sein Selbstvertrauen litt immer mehr. Seine Überzeugung, dass, wenn er sich anstrengt, es eh nichts bringen würde und Aussagen anderer, er sei zu faul, blockieren den Lernprozesses.

Lernen stellt immer eine Herausforderung dar, man weiss nie worauf man sich einlässt und ob es letztendlich auch klappt. Es verlangt ein gewisses Mass an Frustrationstoleranz, um eine zeitlang ein Durcheinander aushalten zu können, weil man den Durchblick noch nicht hat; trotzdem aber handeln zu können, ohne zu wissen was vorerst eigentlich passiert; Ungewissheit zu ertragen, ohne dabei aber unsicher zu werden.

Gut lernen heisst nicht unbedingt auch schnell lernen. Die Fähigkeit sich im „Nebel“ langsam fortzubewegen, Ungewissheit auszuhalten, anhalten und abwarten bis man wieder etwas klarer sieht, ist ein wichtiger Aspekt der Elastizität und somit der Lernfähigkeit. Wer gut lernt, ist in der Lage, ein Problem bis in die Tiefe anzugehen, und gibt sich mit einer oberflächlichen Lösung nicht zufrieden. Dies erfordert seine Zeit.

Was Thomas verleidete, war nicht das Lösen von Aufgaben, sondern: „Wänn ich nöd drus chumä, rüeri dä Bickel häre und gangä!“ Ausgehend von der Problemdefinition muss ich als Lerntherapeutin herausfinden, was das Kind oder der Jugendliche für eigene Ressourcen zur Überwindung seiner Schwierigkeit hat und was für Instrumente ich ihm mitgeben muss, damit es das Handtuch nicht wirft und sein Selbstvertrauen gestärkt werden kann.

Eine Lerntherapie ist dann sinnvoll, wie im Falle von Thomas, um ein allgemeines Problem zu definieren und einzugrenzen und neue Instrumente auf den Weg des Lernens mitzugeben.

Claudia Furrer

Dipl. Lerntherapeutin ILT/SVLT, Rapperswil